So haben wir JobChamp gebaut: Anlässe statt Module, Rollenspiel statt Ratgeber
JobChamp ist unsere neue App für Angestellte: KI-Rollenspiele für Gehaltsverhandlung und Personalgespräch, Analysen für Arbeitszeugnis und Kündigung, dazu Alltagswerkzeuge für den Job. In diesem Beitrag geht es nicht um eine Feature-Liste, sondern um die Produktentscheidungen dahinter.
JobChamp ist unsere neue App für Angestellte: KI-Rollenspiele für Gehaltsverhandlung, Personalgespräch, Beförderung und Bewerbungsinterview, dazu Analysen für Arbeitszeugnis, Abmahnung, Kündigung und Arbeitsvertrag, und ein paar Alltagswerkzeuge wie Urlaubs- und Überstundenrechner. In diesem Beitrag geht es nicht um eine Feature-Liste, sondern um die Entscheidungen dahinter: warum wir mit Anlässen statt Modulen gestartet sind, warum Rollenspiel und keine weitere Ratgeberseite entstanden ist, wie unsere Datenschutz-Architektur aufgebaut ist und warum wir uns bewusst gegen den App-Store-Weg entschieden haben.
Der Ausgangspunkt: Anlässe statt Module
Die naheliegende Bauweise für so eine App wäre eine Liste von Modulen gewesen: Zeugnis-Check, Gehaltsrechner, Vertragscheck, Interviewtraining, alles nebeneinander in einem Menü. Das Problem an diesem Ansatz: Niemand öffnet eine App, weil er „ein Modul" nutzen will. Menschen haben Momente. Morgen steht ein Personalgespräch an. Heute lag eine Abmahnung im Briefkasten. Das Zeugnis ist gerade angekommen und liest sich komisch. Deshalb ist der Startbildschirm von JobChamp keine Modulliste, sondern eine Frage: „Was ist gerade los?" Aus jeder Antwort, etwa „Ich habe Post bekommen" oder „Ich habe ein Gespräch vor mir", führt eine kurze, geführte Strecke: einordnen, vorbereiten, üben, und am Ende ein konkreter nächster Schritt. Die Werkzeuge dahinter sind technisch dieselben wie in einer Modul-Variante gewesen wären, die Reihenfolge, in der jemand sie erreicht, ist die eigentliche Produktentscheidung.
Warum Rollenspiel statt Ratgeber-Text
Es gibt im Netz keinen Mangel an Ratgeberartikeln zu Gehaltsverhandlungen, samt Musterformulierungen und Checklisten zum Abhaken. Das Problem daran: Lesen ist nicht Üben. Wer einen Artikel über gute Verhandlungsargumente liest, hat noch nie erlebt, wie es sich anfühlt, wenn eine Führungskraft ein Argument mit einer Gegenfrage kontert. Genau diese Lücke schließt das Rollenspiel: In JobChamp übt man das Gespräch gegen eine KI-Gegenseite, so oft man will, bevor das echte Gespräch stattfindet. Nach jeder Runde gibt es eine Rückmeldung zur Argumentqualität, keine allgemeine Checkliste, sondern eine Einschätzung zum konkret Gesagten. Das ist der Kern, den wir aus vorstellig.de übernommen und auf weitere Anlässe wie Personalgespräch, Beförderung und Kündigungsgespräch ausgeweitet haben.
Der Demo-Modus als Funnel
Freemium-Produkte stehen vor einer klassischen Hürde: Bis jemand registriert ist, weiß er nicht, wie sich das Produkt eigentlich anfühlt. Deshalb lässt sich ein Rollenspiel in JobChamp probeweise antesten, bevor überhaupt ein Konto angelegt wird. Wer merkt, wie sich das geführte Training anfühlt, entscheidet sich deutlich informierter für die kostenlose Registrierung mit den drei enthaltenen KI-Analysen, und im Anschluss gegebenenfalls für Champ Premium (7,99 Euro im Monat oder 59 Euro im Jahr). Der Demo-Moment ist damit kein Marketing-Trick obendrauf, sondern schlicht die kürzeste Strecke zum eigentlichen Produkterlebnis.
Datenschutz-Architektur: Anonymisierung vor jedem KI-Call
Wer ein Arbeitszeugnis, eine Abmahnung oder einen Arbeitsvertrag hochlädt, um eine KI-Analyse zu bekommen, gibt zwangsläufig heikle Informationen preis: Klarnamen, Firmenbezeichnungen, mitunter Details aus einem laufenden Konflikt. Unser Grundsatz dazu: Anonymisierung passiert vor dem KI-Aufruf, nicht danach. Das Dokument wird anonymisiert, bevor die Anfrage überhaupt die Claude-API erreicht, und das Original-Dokument wird nicht gespeichert. Die Server, auf denen JobChamp läuft, stehen in Deutschland. Diese Reihenfolge klingt nach einem Detail, ist für ein Produkt, das mit Kündigungen und Abmahnungen arbeitet, aber die eigentliche Vertrauensfrage. Sie war deshalb von Anfang an Teil der Architektur, nicht ein späterer Patch.
PWA statt App Store
Technisch ist JobChamp eine Progressive Web App, aufgebaut als React-Anwendung mit PHP- und MySQL-Backend, im Prinzip ein Fork der Basis von vorstellig.de. Die Entscheidung gegen einen nativen App-Store-Wrapper zum Start hat zwei handfeste Gründe. Erstens: kein 30-Prozent-Anteil an Apple oder Google auf Abo-Umsätze, was gerade bei einem 7,99-Euro-Abo einen spürbaren Unterschied macht. Zweitens: Eine PWA lässt sich direkt aus dem Browser installieren, ohne Store-Review-Prozess dazwischen, was schnellere Updates erlaubt. Als PWA kann JobChamp außerdem Web-Push-Benachrichtigungen versenden, was für den Fristenalarm bei einer laufenden Drei-Wochen-Frist zur Kündigungsschutzklage nach § 4 Kündigungsschutzgesetz sinnvoll ist: eine Erinnerung, die ankommt, ohne dass jemand die App aktiv öffnen muss. Ein nativer App-Store-Wrapper bleibt eine Option für später, wenn der Bedarf danach entsteht.
Die Alltagswerkzeuge: warum wir bei den Krisenmomenten nicht aufgehört haben
Ein Rollenspiel für die Gehaltsverhandlung oder eine Fristenampel bei der Kündigung sind die Momente, in denen jemand die App zum ersten Mal öffnet. Damit JobChamp aber auch dann noch gebraucht wird, wenn gerade keine Krise ansteht, gehören ein Urlaubs- und Überstundenrechner, ein Arbeitstagebuch für laufende Notizen und ein geführtes Gedächtnisprotokoll nach wichtigen Gesprächen ebenfalls zur App. Dazu kommt ein Gewerkschafts-Finder, der Branche und Beruf mit der zuständigen Interessenvertretung abgleicht. Diese Werkzeuge sind bewusst weniger spektakulär als die KI-Rollenspiele, sorgen aber dafür, dass die App auch außerhalb akuter Anlässe einen Grund bietet, wiederzukommen.
Das B2B2C-Codemodell
Neben dem klassischen Freemium-Weg (kostenlos mit drei KI-Analysen, danach Champ Premium) gibt es einen zweiten Vertriebsweg, der auf Organisationen zielt: Gewerkschaften und Transfergesellschaften können Freischalt-Codes für Champ Premium kaufen und über ihre eigenen Kanäle an Mitglieder oder Teilnehmende verteilen. Technisch ist das ein einfacher Code-Einlöse-Mechanismus, der bereits aus dem Vorstellig-Kontingent-System bekannt ist und sich direkt weiterverwenden ließ. Wirtschaftlich ist es der interessantere Teil: Statt eine Gewerkschaft von einer aufwendigen technischen Integration zu überzeugen, reicht ein Kontingent an Codes, das über bestehende Kanäle wie Newsletter oder Sekretariate verteilt wird. Das hält den Aufwand für die Organisation gering und für uns überschaubar.
Was wir aus vorstellig.de mitgenommen haben
JobChamp startet nicht bei null. Die technische Basis, das PHP/MySQL-Backend samt Quota-Logik, und der methodische Kern, das geführte Rollenspiel mit KI-Gegenseite, stammen aus vorstellig.de, unserer bestehenden Anwendung für Bewerbungsanalyse und Interviewtraining, die unter anderem bei einem Bildungsträger im Einsatz ist. Dort haben wir gelernt, dass ein Rollenspiel nur dann trägt, wenn das Feedback nach jeder Runde konkret genug ist, um beim nächsten Versuch etwas zu ändern. Diese Lektion haben wir direkt in die neuen Anlässe von JobChamp übertragen, von der Gehaltsverhandlung bis zum Personalgespräch.
Design-Sprache: Ring-Ecke statt Behörden-Look
Ein Thema wie Abmahnung, Kündigung oder Gehaltsverhandlung wird in der Kommunikation gerne behördlich-trocken oder in düsterem Gewerkschaftsrot inszeniert. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden. JobChamp arbeitet mit einem dunklen Navy als Grundton und einem hellen Lime-Akzent, dazu einem grafischen Ring-Ecken-Motiv, das an eine Boxring-Ecke erinnert: Der Nutzer ist der Champ, JobChamp ist der Coach in seiner Ecke. Diese Bildsprache zieht sich von der Startseite bis in die App hinein und ist der sichtbare Ausdruck derselben Grundhaltung, die auch die Anlass-Navigation trägt: nicht behördlich und belehrend, sondern parteiisch auf der Seite der Beschäftigten, ohne dabei unseriös zu wirken.
Was wir gelernt haben
Eine Erkenntnis aus dem Aufbau war, wie eng Anlass-Navigation und Datenschutz-Architektur zusammenhängen. Wer im Ernstfall, also mit einer Kündigung oder Abmahnung in der Hand, eine App öffnet, hat wenig Geduld für lange Erklärungen, warum ein Dokument sicher verarbeitet wird. Die Anonymisierung vor dem KI-Call musste deshalb so eingebaut werden, dass sie im Hintergrund passiert, ohne dass die betroffene Person aktiv etwas dafür tun muss, aber jederzeit nachvollziehbar bleibt, dass sie passiert. Eine zweite Erkenntnis betraf das Freemium-Modell selbst: Drei kostenlose KI-Analysen klingen nach einer knappen Zahl, sind aber bewusst so gewählt, dass jemand in einem akuten Anlass, etwa einer Kündigung, das wichtigste Werkzeug einmal vollständig nutzen kann, bevor die Frage nach einem Abo überhaupt aufkommt.
Ausblick
JobChamp ist gestartet, mit der Anlass-Navigation und den ersten Werkzeugen für Gehalt, Zeugnis und den Ernstfall bei Post vom Arbeitgeber. Weitere Anlässe wie der Vertrags-Check mit Klausel-Ampel und die Fallakte für die Übergabe an Gewerkschaft oder Rechtsschutz folgen im weiteren Ausbau. Wer die App ausprobieren möchte, findet sie unter jobchamp.app, zum Beispiel über den Arbeitszeugnis-Decoder oder die Fristenampel bei einer Kündigung.
JobChamp selbst antesten
Ein Rollenspiel für Gehaltsverhandlung, Personalgespräch oder Kündigungsgespräch lässt sich in JobChamp probeweise ausprobieren, bevor überhaupt ein Konto angelegt wird.